Bericht vom Berlin-Marathon 2015

Am 27. September 2015 hatte ich die Freude, mit Sonne und über 36.000 weiteren Läufern am Berlin Marathon teilzunehmen und anzukommen.

Vorher und hinterher
Meine Vorbereitung bestand diesmal aus dem Mitternachtslauf in Heiligenhafen, dem Südensee Halbmarathon, dem Hamburger Flughafenlauf und 45 Trainingseinheiten innerhalb von etwa 60 Tagen. Außerdem habe ich an einem, vom Flensburger Lauftreff veranstalteten Erste-Hilfe-Kurs teilgenommen (damit ich das Gefühl und die Fähigkeit habe, helfen zu können, falls jemandem etwas passiert) und mich täglich vernünftig ernährt, sowie zur Regeneration ab und zu verschiedene Saunas besucht.

Die sieben Tage nach dem Marathon bin ich nur spazieren gegangen, habe also einen Post-Marathon-Blues ausgekostet; am achten Tag habe ich bereits einige Laufschritte gewagt und habe mir, nach dem Schreiben und Überarbeiten dieses Berichts, nun auch schon ein neues Ziel gesetzt, auf dass ich hintrainieren kann.

Anreise & Marathonmesse
Gemeinsam mit einigen Laufkollegen, Bekannten und Freunden fuhren wir, mein Freund und ich, bereits am Freitag nach Berlin, um mit unserem Wochenendurlaub zu beginnen. Der erste Langstreckenläufer, ein Banker, angereist aus New York, begegnete uns in der U-Bahn. Angekommen im Sporthotel fiel zunächst auf, dass dort sehr viele Menschen aus anderen Ländern aufgenommen worden waren; es war gerade die Zeit eines starken Stromes an Zuwanderern – mit all ihren Schicksalen, wie mir einige Wochen später bewusst wurde. Abends besuchten wir die Marathonmesse, bekamen ein blaues Armband, schauten uns verschiedene Markenartikel an und verwirklichten Sprüche, wie „Ich bin voller positiver Energie“, auf einer großen Tafel. Später am Abend besuchten wir ein polnisches Restaurant, ich bestellte Pierogi (übersetzt: Maultaschen). Ein Klavier stand auch dort, allerdings war ich ja zum Laufen in Berlin.

Frühstückslauf & Abendessen
Samstagfrüh fand der sehr gut besuchte Frühstückslauf statt. Ein Sechs-Kilometer-Lauf mit Zielrunde durch das Olympiastadion, dessen Laufbahn dunkelblau war. Das gedrosselte Tempo und die starke Enge im Läuferfeld trieb mir bereits nach Kilometer 2 die Schweißperlen auf die Stirn. Viele lustig verkleidete Läufer dabei, zum Beispiel Michelle der Clown, Hulk und die Teletubbies, außerdem tausende Luftballons. Nach dem Lauf gab es dann Bananen, Pfannkuchen, Getränke, Tee und Kaffee. Den Spruch „Coffee is here, Tea is there“ (Übersetzung: Kaffee ist hier, Tee ist dort) einer Helferin nahm ich mir als Mantra für den Fall, dass ich am Marathontag keine Power mehr haben oder mich langweilen sollte. Sollte mir also am nächsten Tag bei Kilometer 23 die Puste ausgehen, würde ich hunderte Male „Coffee is here, Tea is there“ aufsagen, bis ich wieder Lust am Laufen bekäme und nebenbei mein englisches ‚th‘ aufpolieren.

Tagsüber noch dies und das getan, was man als Tourist so tut: Eine Ausstellung und ein Aquarium, sowie ein schwules Herrenbekleidungsgeschäft aufgesucht. Und ab ging’s zum Abendessen beim Italiener. Ich entschied mich für Fisch, nämlich Dorade, da ich diesen am Abend vor dem Lauf gut vertrage.

Morgenstund hat Gold im Mund!
Ich schlief gut, aber nicht besonders lange. Der Weg zum Läuferbereich führte über den Hauptbahnhof und dann an mehreren Kontrollstellen vorbei. Kleidung ausgezogen, Läuferkleidung war bereits angezogen, Mause-Ohren angezogen und dann die durchsichtige Plastiktüte mit dem Handtuch, der Kleidung und einer Banane für hinterher abgegeben. Zwei Mal aufs Toilettenhäuschen gegangen, denn mit Druck auf dem Bauch würde es sich erfahrungsgemäß nicht gut laufen. Beim ersten Mal war fast jedes Häuschen frei, beim zweiten Mal musste ich bereits zehn Minuten anstehen. Es lohnt sich also, etwas früher vor Ort zu sein. Mit Eyeliner einen Schnurrbart gemalt. Und dann drei gelbe Plastiksäcke angezogen, um vor dem Lauf nicht so stark zu frieren. Ab ging’s zum Startblock – ja – F.

Einige Läuferinnen und Läufer verbrachten die Zeit mit herumsitzen, von einem Bein auf das andere hüpfen, miteinander sprechen oder sich dehnen. Ich selber hatte noch eine Flasche Wasser dabei, die ich austrank.

10. 9. 8. 7. 6. 5. 4. 3. 2. 1. ZERO!
Einen Kilometer lang rechts und links nur Zuschauer, vorne und hinten nur Läufer, wahnsinn! Eine Zeitlang orientierte ich mich an einem Läufer, der ein orangefarbenes T-Shirt mit der Aufschrift “Dominik läuft” trug, dann gab es im Publikum schon Unterstützung von einigen mitgebrachten Freunden. Ich lief mit hoher geistiger Wachheit, Gehirnwellen vermutlich im Gamma-Bereich. Zwischen Kilometer 2 und 3 vorbei an einer Frau, die ein Schild mit etwa der Aufschrift: “Zielzeit: 6 Stunden 30. Habe Krebs überlebt!” trug, ich gab ihr einen Daumen hoch und war gerührt.

Vorbei auch ehrenvoll und sich verbeugend an einem König, mit einem Triumpfgefühl an einem berühmten Musiker, der ebenfalls teilnahm und mit einem Grinsen an einem Läufer mit der T-Shirt-Aufschrift “Bevegt.de – Vegan leben und laufen”, des Titels eines Internetblogs, den ich kürzlich angefangen habe, zu lesen. Sogar Ostseeman-Triathlon-T-Shirt-Träger waren dabei.

Während des Laufs habe ich zwei Apfelstücke und neun Banenstücke verspeist. Bei den Powergels hatte ich einige Bedenken, ob sie meinem Magen gut tun würden, habe aber während des zweiten Halbmarathons drei Powergels verschiedener Geschmacksrichtungen genussvoll verschlungen. Einmal musste ich kurz stehenbleiben, weil mir eins dieser Dinger am Schuh kleben blieb. Die Straße war an einer Stelle außerdem besonders klebrig.

Mit den Getränkeständen ging ich professioneller um, als jemals zuvor, nahm nicht immer das erstbeste Getränk, sondern lief etwas weiter, bog dann inklusive Handzeichen rechts ab, nahm ein Getränk, trank es vollständig aus und ordnete mich inklusive Handzeichen wieder zum Laufen ein. Meistens entschied ich mich für Wasser, einmal nahm ich ein Elektrolytgetränk und einmal verpasste ich einen Getränkestand, weil ich zu spät rechts abbog.

Hinter mir hat sich jemand vertreten: Ein Tritt ins hintere, rechte Bein, genauer gesagt, auf den Kompressionsstrumpf. Zum Glück alles schon so warmgelaufen, dass mir das kaum etwas ausmachte. Andersherum hatte ich für den Fall des Falles anderer zwei Wochen und einen Tag zuvor an einem Erste-Hilfe-Kurs teilgenommen. Hier zu helfen würde aber kaum nötig werden, denn hier gab es wirklich viele Helfer und Sanitäter, letztere alle zwei Kilometer.

Bis Kilometer 38 lief es für mich sehr gut, ich strengte mich an, hatte aber auch ständig genug Energie für das Tempo, dass bei durchschnittlich 5 Minuten und 5 Sekunden pro Kilometer lag. Den restlichen Weg bis zum Ziel konnte ich dann aber auch laufen, wenn auch etwas langsamer und mit speziell für die letzten Kilometer antrainierten Schritt- und Tritttechniken. Man bedenke, dass ich mich 2015 noch im Stadium eines Laufanfängers – allerdings mit der Voraussetzung von relativ starken Selbstmotivationstechniken und einem passenden Körperbau – befinde.

Gefühlt lief ich zwei Kilometer lang über Straßenbahnschienen, wobei ich mich entscheiden konnte: Linke Spur, mittlere Spur, rechte Spur? Ich nahm irgendeine, hauptsache weiter. Kilometer 40 war erreicht und dann war es nicht mehr weit. Ein Läufer fragte mich, welche Zeit ich laufen wolle. Er selber wolle 3:35 laufen. Ich wunderte mich, denn meine anvisierte Zielzeit lag bei 3:45. Ich war mir aber nicht mehr sicher, wie lange die Zeit vom Startschuss bis zu meinem persönlichen Start war, ob es sechzehn Minuten waren oder nur sechs. Erste Gefühle von tiefer Rührung und Freude tauchten auf. Das Gefühl, es geschafft zu haben. Das Training hatte sich gelohnt. Ich fühle mich wie ein Held. Durchs Brandenburger Tor, links, rechts, oder durch die Mitte? Ich nehme die Mitte. Der Zieleinlauf: Ein Genuss.

Wie erklärt man jemandem, was ein Marathon ist oder wie es sich anfühlt, einen zu laufen? Nun, diesmal war bei mir der größte, logisch nachvollziehbare, mentale Glaubenssatz: Drei Stunden locker durchlaufen und dann noch einige Kilometer.

Großer, wunderbarer Zielbereich. Ich erhalte eine Medaille, gehe gefühlte 500 Meter, Sanitäter werfen einen Blick auf jeden Läufer, ein Läuferpärchen aus Südamerika gratuliert mir und ich gratuliere ihnen. Ich kann es mir dann mit einem alkoholfreien Bier unter einem Baum gemütlich machen, wobei meine vorsichtige Art, zu Boden zu kommen, wirklich komisch aussehen muss: Meine Arme leisten viel mehr Arbeit beim Hinsetzen als die Beine. Neben mir, an einem anderen Baum, sitzt ein Läufer aus Dänemark, dem die Freundentränen gerade die Wangen hinunterkullern. Nach und nach tauchen viele weitere Läufer auf, darunter zwei mit Mause-Ohren und teilweise auch weißen Handschuhen. Einige Finisher verweilen noch, andere sind schon angezogen und auf dem Weg, etwas zu essen – oder fahren gar schon nach Hause, weil sie abends schon zu tun haben. Wir bleiben noch einen Tag und lassen den Marathon in Ruhe ausklingen. Nachmittags bin ich für zwei Stunden sehr müde, aber auch sehr zufrieden. Meine neue Bestzeit von 3:35:02 lasse ich mir am Vormittag auf ein gelbes Armband gravieren.

Vielen Dank und herzliche Grüße an meine Freunde, an die Laufkollegen, an alle Organisatoren, Helfer und Leser!

Und wenn ich Dich eventuell zum Laufen motiviert haben sollte:
Auf gehts zum nächsten Marathon!

Ich hoffe, Dir mit diesem Bericht einen Einblick in das Gefühl und das Erlebnis meines ersten Berlin-Marathons vermittelt zu haben.

Race-Daten
Split Halbmarathon: 1:44:20
Split 2. Halbmarathon: 1:50:42
Durchschnittsgeschwindigkeit: 11,77 km/h
Zeit pro Kilometer: durchschnittlich 5.05 Minuten
Platz: 8128.

Pictures:

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